Auf neuen Wegen Kirchen entdecken

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Sie nennen es bewusst Kirchenbegehung und nicht Kirchenführung. Damit wollen das Katholische Bildungswerk Bergstraße/Odenwald und das Evangelische Dekanat Bergstraße neue Zugänge zu Kirchen, ihrer Architektur und ihrer Geschichte schaffen.

Mittwoch 18.00 Uhr Ortstermin an der evangelischen Kirche im Bensheimer Stadtteil Schwanheim. Ein Dutzend Interessierter hat sich eingefunden. Doch bevor es in die Kirche geht, führt Frank Meessen vom Katholischen Bildungswerk die Teilnehmer einige hundert Meter von der Kirche weg. Er bittet darum, das Bauwerk aus der Distanz zu betrachten und zu sagen, was an der Kirche auffällig ist. Weithin sichtbar, schlank, einladend, lauten die Eindrücke der Kirchenbegeher, denen natürlich auch die symmetrische Anordnung der Doppeltürme auffällt. Und dann fällt das Stichwort: klassizistisch. Die Schwanheimer Kirche, so Frank Meessen, sei Ausdruck einer neuen Zeit und eines neuen Denkens. Eine These, die er im Kircheninneren verdeutlichen will.

Gegenprogramm zum Barock

Die Schwanheimer Kirche wurde 1821 vom Darmstädter Baumeister Georg Moller gebaut. Sie gehört zu jenen Mollerschen Landkirchen, die in klassizistischem Stil errichtet wurden. Sie bilden ein radikales Gegenprogramm zum Barock mit seinen Schnörkeln und glänzenden Gold, in dem sich die Mächtigen und Reichen spiegeln können. Und das springt den Teilnehmern der Kirchenbegehung sofort ins Auge: die Schlichtheit der Kirche und die strenge Symmetrie, die Ruhe und Geborgenheit ausstrahlt, der Altar, der sich auf gleicher Ebene wie die Kirchenbänke befindet, dagegen die erhöhte Kanzel, die die zentrale Bedeutung der Verkündigung von Gottes Wort unterstreicht. Die Kirche, so stellen die Kirchenbegeher fest, wirke mit ihren Säulen und den klassischen Formen wie ein antiker Tempel, der das Gute, Wahre und Schöne verkörpere. Die Bauweise erinnere damit auch an die Ideale der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Passend dazu ertönt zum Abschluss der Kirchenbegehung Beethovens 9. Symphonie mit Schillers Ode „An die Freude“. 

Gespräch statt Monolog

Die Bezeichnung Kirchenbegehung ist wörtlich zu nehmen. Die Teilnehmer folgen nicht einem Kirchenführer, sondern sie begehen, sie erkunden auf eigenen Wegen die jeweilige Kirche. Bei diesen Kirchenbegehungen halten Birgit Geimer, die Bildungsreferentin des Evangelischen Dekanats Bergstraße und ihr katholischer Kollegen Frank Meessen keine Monologe, sie dozieren nicht. Die Kirchenbegehungen leben vielmehr von den Eindrücken, Ansichten und Erfahrungen der Teilnehmer. Es gleicht einem Gespräch, in dem mehrere Perspektiven zusammengetragen werden, um einer Kirche, ihrer Bauweise und ihrer Geschichte näherzukommen.

(Auszug aus Homepage http://dekanat-bergstrasse.ekhn.de)